Tradition

Paulas Tagebuch

Noch 17 und der Rest von heute

Ein Volksfest, eine Dult oder eben auch die Wiesn haben meist eine lange Tradition. Teilweise sogar über mehrere Jahrhunderte. Größtenteils sind die Volksfeste und Dulten aus irgendwelchen Märkten entstanden. Wo gehandelt wurde, wurde später auch gefeiert. Der Barthelmarkt in Oberstimm bei Ingolstadt ist heute so ein Festl, welches eigentlich aus einem Ross-Markt entstanden ist. Das Volksfest zählt du den größten in Oberbayern und ist eines der ältesten Volkfeste Deutschland. Schon 100 nach Christus haben die römischen Besatzer hier einen Pferde- und Viehmarkt zur gleichen Zeit abgehalten. Im Jahre 1354 wurde der „Makt zu Stimm“ des erste Mal erwähnt. Seit 1541 findet der „Barthelmarkt“ laut einer urkundlichen Erwähnung jährlich zu der Zeit des St. Bartholomäus Tages statt, dem letzten Wochenende im August. Ausnahmen bestätigen die Regeln: natürlich wr auch in Oberstimm während der Pest und den diversen Kriegen keine Zeit zu feiern. Traditionell findet bis heute immer noch ein Pferdemarkt statt. Heute hat ohne Frage das Volksfest in den Zelten den größeren Stellenwert.

Ordungshüter

Übrigens: im Mittelalter gings in Oberstimm teilweise heiß her. An den Marktständen wurde gefeilscht, gehandelt und betrogen. Zu dieser Zeit wurden dort nicht nur Viecher gehandelt, sondern auch allerlei andere Waren wie Tabak, Lebensmittel und Haushaltswaren. Um die Käufer an ihre Stände zu locken, griffen die Händler zu den verrücktesten Mitteln. Und die Käufer ihrerseits taten alles um nicht den vollen Preis bezahlen zu müssen – es endete teilweise mit großer Schlägerei vielen verletzten. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, sorgten zu Zeiten Ludwig des Bayern Richter, welche in Begleitung von Wächtern und Hellebardenträgern, die Aufgabe von Eichamt, Gesundheitsamt, Gewerbeaufsicht, Polizei und Gericht zu gleich übernahmen, für Ordnung.

 

Heute wie im Mittelalter

Was soll ich Euch sagen – in den Bierzelten am Barthelmarkt findet man hin und wieder noch Gäste, die vermeintlich aus dem Mittelalter stammen. Ich kenne kein anderes Volksfest, in dem die Bierzelte um 4 Uhr morgen schon gestürmt werden. Obwohl es erst am 6 Uhr Bier und Weißwürscht gibt. In dem Jahr, in dem ich am Barthelmarkt gearbeitet habe, war das Zelt am Montagmorgen um 4 Uhr innerhalb von 26 Sekunden bis auf den letzten Platz voll! Um 11 Uhr am Vormittag habe ich mir dann ebenfalls meine „Hellebardenträger“ geholt: in meinem Service sah es aus wie Dresden 1945! Der Boden war ein einziges Scherbenmeer. Die Bänke und Tische durchgebrochen und die Gäste haben ebenfalls…. (es tut mir leid, aber ist die Wahrheit) erbrochen!

Mit Tradition hat das für mich nichts mehr zu tun. Deswegen hat der Barthelmarkt mich auch nur ein einziges Mal gesehen.

Aus welcher Tradition unsere Wiesn entstanden ist, habe ich Euch schon einige Mal erzählt. Aber auch hier hat die neue Zeit definitiv Einzug gehalten. Der Großteil der Gäste hat überhaupt keinen Plan warum dieses Fest gefeiert wird. Die feiern auch kein Fest, sondern es ähnelt eher einem ganz gewaltigen Saufgelage ohne Rücksicht auf Verluste. In den großen Zelten geht es an den Wochenenden teilweise dermaßen her, dass es mit bayerischer Bierzeltgemütlichkeit schon lang nichts mehr zu tun hat. Mein Opa hätte jetzt gesagt: „da wird gesoffen und gehurt!“ und so leid es mir tut – ich befürchte er hat nicht ganz unrecht. Der Mensch verliert ja leider relativ schnell jegliche Manieren. Da wird die Maß geext, den Mädels schamlos unters Dirndl gelangt und am Ende der Maßkrug wieder gefüllt. Des alles in einem Fetzen, der bei Wish als Dirndl bezeichnet wird oder am Hauptbahnhof in München als Lederhosn deklariert wird.

Seid´s ma ned böß, aber da stimmt was nicht

Zum Jubiläum 2010 – also 200 Jahre nachdem die Hochzeit stattgefunden hat – wurde erstmalig die „Oide Wiesn“ ins Leben gerufen. Ein Festl im Festl auf alt gemacht. Da gibt’s historische Fahrgeschäfte, des Bier wird in Keferlohern serviert, auf der Bühne werden Stanzl gesungen und es gibt im Zelt noch Tanzflächen. Richtig schee is auf der Oiden Wiesn. Richtig gemütlich. Und richtig traditionell. Und weil Geschichte sich ja gerne wiederholt, besonders bei uns in München, wurde aus der einmaligen Idee, zum Jubiläum eine Oide Wiesn stattfinden zu lassen bereits im nächsten Jahr eine feste Institution. Die gibt’s jedes Jahr. Außer es ist zentrales Landwirtschaftsfest alle 4 Jahre, dann hat die Oide Wiesn keinen Platz.

A traditionelle Wiesn

Weil die Pest die Stadt ja mal wieder fest im Griff hat – ah Schmarrn, Corona, ich meine Corona, wir sind ja gar nicht mehr im Mittelalter, deswegen hat der Franke jedenfalls beschlossen, dass es auch dieses Jahr keine Wiesn gibt. Also weder eine oide, noch eine neue, noch eine große, noch eine kleine. KoaWiesn. Es hat einen Berg voll Nachteile, dass es keine Wiesn gibt. Aber tatsächlich auch ein paar ganz erträgliche Vorteile. Zum Beispiel, dass man dann das gemütliche Zusammensein mit Freunden bei einer Maß einfach traditionell stattfinden lassen kann. Mit all dem, was man an der Wiesn mag und ohne all des, auf des man auf der Wiesn gut verzichten kann.

nächstes Jahr bitte wieder echte Wiesn

So schön wie es letztes Jahr war, so schön wie es dieses Jahr wird. Ich hoffe inständig, dass es nicht zur Tradition wird – dass es dieses Jahr des letzte mal KoaWiesn gibt und das es nächstes Jahr wieder ganz viele echte Volksfeste, Märkte und vor allem die Wiesn gibt. Weil auch wenn nicht mehr so ist wie früher – es ist halt doch die schönste Zeit des Jahres…

 

Häshtäg: Tradition und Brauchtum gehören gepflegt – es gibt keinen echten Ersatz für was gutes – noch 17 und der Rest von heute

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