Erziehungsauftrag

noch 36 Tage – und der Rest von Heute!

Volksfest-Tagebuch Dachau 2019 – der Countdown zur Wiesn.

Heute: Feiertag, Gäste kann man sich erziehen – das ewig Leid mit dem Bedienungsgeld

Diejenigen die meinen Blog regelmäßig lesen, wissen, dass ich die besten Gäste der Welt habe. Zumindest meistens. Es sind aber nicht alle von Anfang an die besten Gäste gewesen. Mit ein paar meiner Gäste musste ich zu Beginn erst ein bisschen „verhandeln“. Aus unterschiedlichen Gründen. Bei den einen, weil sie keinen Spaß verstehen, bei den anderen, weil sie mit dem falschen Fuß aufgestanden sind, bei den nächsten, weil es ihr erster Bierzeltbesuch war und bei den vierten, weil die im Bierzelt immer noch im Radrennmodus waren. Aber gut, so wie Lehrer in der Schule einen Bildungsauftrag haben, so haben wir Bedienungen im Bierzelt eben einen Erziehungsauftrag. Und dem nehmen wir uns gerne an. Schließlich müssen gemeinsam den Tag oder Abend verbringen – und wenn das Schicksal es will, auch die nächsten Jahre.

Der falsche Fuß

Es gibt Tage, auch im Bierzelt, da ist die gute Laune der Bedienung irgendwo unter den körperlichen Schmerzen vergraben. Weil der Abend vorher die Hütte gebrannt hat, weil alles weh tut und weil die Müdigkeit stärker ist, als alles was es sonst noch so gibt. Dann muss die Paula sich auch zamreißen, dass sie lacht und freundlich ist und nicht gleich wegen jeder Kleinigkeit in die Luft geht. Manchmal gar nicht so einfach. Aber es geht. Genau so verhält es sich auch bei den Gästen, da gibt es Tage, da sind die einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Haben Stress daheim, weil der Mann nicht will, dass sie aufs Volksfest rumpeln, weil die Frau daheim eine Gemüsepfanne gekocht hat und er aber unbedingt eine Haxe im Bierzelt essen will. Dann kommen die Gäste schonmal mit mieser Laune ins Zelt. Des kommt schon mal vor. Manchmal dauert es dann ein bisschen, bis die Gäste im „gute-Laune-Bierzelt-Modus“ angekommen sind – äußerst hilfreich ist an dieser Stelle eine gut gelaunte Bedienung. Drei vier nette Worte. Ein Lächeln und schon ist wieder alles gut. Wenn die Gäste dann irgendwann zur Paula kommen, eben weil an andere Stelle im Leben der Segen etwas schief hängt, dann hat sie alles richtig gemacht. Dann ist des Bierzelt auch für die Gäste ein paar Stunden „Urlaub vom ich“

 

Der erste Bierzeltbesuch

Es soll vorkommen, dass es Leute gibt, die zum ersten Mal ins Bierzelt gehen. Die gehören dann zu der Art Patienten, die sich gar nicht auskennen. Die schicken ihre Bedienung mit jedem Bier und jedem Hendl einzeln. Und zum Schluss noch eine Breze. Denen muss man dann schonmal kurz erklären, dass wir Bedienungen nicht für die Kilometer bezahlt werden, die wir laufen. Und – dass wir für mehr Tische zuständig sind, als nur für diesen einen. Soll heißen: wenn wir für einen Tisch 10 mal laufen müssen, sind andere Tische schnell mal unterhopft. Können die ja nicht wissen. Muss man ihnen sagen. Solche Gäste sind auch der Meinung, dass wir Bedienungen sowieso ein Festgehalt bekommen, egal ob wir laufen oder nicht – also können wir auch was tun für unser Geld. Sorry! Dem ist so nicht. Wenn wir nicht laufen, bekommen wir kein Geld. Wenn wir wegen einer Maß laufen, bekommen wir Geld für eine Maß. Wenn wir mit 10 Maß laufen, bekommen wir Geld für 10 Maß. Und nein – wir bekommen nicht 50% von dem Bierpreis. Und der Grund warum wir Twingo fahren und nicht Porsche liegt unteranderem darin, dass wir zwar gutes Geld verdienen, aber nicht zu Dagobert Duck werden, nur weil wir 10 Tage im Bierzelt stehen. Und ja – stimmt. Wir stehen im Bierzelt, weil wir Geld verdienen wollen. Völlig überraschend, oder? Wo andere Leute ja in die Arbeit gehen, um ihrer Frau daheim nicht beim Bügeln zu schauen zu müssen. Wegen dem Geld geht ja sonst keiner in die Arbeit – nur wir Bedienungen. Die Highend-Version eines Bierzeltneulings ist der, der Biermarken geschenkt bekommen hat. Nachdem der gefragt hat, ob er mit dem Gutschein hier bei mir ein Bier bekommen kann, bestellt er dann eine alkoholfreie-saure-Radler und einen leeren Maßkrug, damit er sich die Maß mit seiner Begleitung teilen kann. Vorzugsweise passiert das am Freitagabend um 17:45 Uhr. Die beiden sitzen allein an einem Biertisch für 10 Personen und sind auch davon überzeugt, dass dieser Tisch somit ihnen allein gehört. Aber dazu gleich mehr. Ich bringe also die alkfreie-saure-Radler samt leeren Bierkrug und nehme die Biermarke, sage „ich bekomme bitte noch 53 Cent Bedienungsgeld“ dann schaut der mich an und ist komplett entsetzt über meine Unverschämtheit. Schließlich sei Trinkgeld ja was Freiwilliges. Kein Problem – spätestens seit der Bestellung weiß ich ja schon, dass die zwei neu sind im Bierzelt. Ich erkläre also in Seelenruhe, dass Bedienungsgeld kein Trinkgeld ist, dass ich die 53 Cent auch nicht allein behalten darf und dass es sogar hinten auf seinem „Gutschein“ darauf steht. Er legt mir großzügig ein 50gerl auf den Tisch und sagt, er habe keine 3 Cent dabei – alles klar. Dann nehm ich des Bier halt wieder mit. „Also wirklich, wegen 3 Cent machen Sie jetzt so einen Tanz? Des ist ja wohl nicht ihr Ernst?“ Doch. Ist es. Ich erkläre nochmal: „Stell dir mal vor, dein Chef überweist dir nächsten Monat 5 % weniger von deinem Gehalt, weil er großzügig abrundet, was machst du dann?“ „Das ist ja was anderes. Dafür habe ich ja gearbeitet“ Ah ja. Verstehe. Nach gefühlten 5 Minuten Diskussion ist des Bier schon zamgefallen, seine Frau hat noch ein 5erl in den Tiefen ihres Geldbeutels gefunden und unsere Wege trennen sich. Dauerhaft. Im Extremfall. In den meisten Fällen aber reicht es, wenn man es den Gästen einmal erklärt, dann legen die Freudestrahlend das nächste mal direkt einen Euro zu der Biermarke und wir sind beide happy. Die Gäste, weil sie schnell bedient werden. Ich, weil ich mich über das Trinkgeld freue. Dauerhaft.

Die gestressten

Den erfolgreichsten Erziehungsauftrag meiner Bedienungskarriere habe ich bei einer Gruppe geleistet. Vor zwei Jahren hat unsere „gemeinsame Zeit“ begonnen. Damals war es zwei Stunden lang die Hölle. Für mich und für die Gäste. Ein totales Voll-Chaos. Weil ein Teil der nervösen Gäste ihre Plätze schon ganz hektisch eine halbe Stunde vor Reservierungsbeginn einnehmen mussten. Ganz dringend. Weil alle schlimm durstig waren. Weil sie aber wussten sie sind eingeladen, haben sie zwar bestellt, wollten aber nicht bezahlen. Des macht der, der eingeladen hat. Ok. Im Prinzip. Problem: ich kenne den nicht der Euch eingeladen hat. Ich weiß auch nicht, ob der der eine Rechnung macht oder Euch die Marken verteilt. Ob ihr das Bedienungsgeld bezahlt oder der oder wie genau die Nummer läuft. Und woher weiß ich denn ob ihr dazugehört? Also so läuft die Nummer nicht. „Ich bringe Euch gerne was zu trinken, aber dann müsst ihr das jetzt bezahlen. Oder ihr wartet, bis der Chef da ist.“ Dann keift mich die erste an: „das ist nicht unser Chef, dass ist unser Präsident!“ Ok, Ok. Ist ja gut. Ruhig bleiben. „Jetzt stell dich nicht so an, ist doch wurscht die 15 Bier – jetzt bring die halt“ Ähm. NEIN. Mir sind die 15 Bier nicht wurscht. Die bezahle ich nämlich selbst. Hatte ich nicht vor. Um viertel nach sechs kam der Chef-Päsi samt Gefolge. Dann wurden die Marken verteilt. Ich habe den Abend „teuer“ bezahlt. Weil das Bedienungsgeld damals 49 Cent betrug, habe ich viele 50erl eingesammelt. Was wiederrum bedeutet, dass ich einen Cent Trinkgeld bekommen habe. Schwamm drüber. Nach zwei Stunden war Ruhe. Und ich habe mir dann die Zeit genommen, mit den beiden Häuptlingen zu sprechen und ihnen das Problem zu erklären. Schließlich sieht man sich immer zwei Mal im Leben und nochmal so einen Stress braucht ja keiner. Damit war alles ausgesprochen – wir hatten einen schönen Abend und auf der folgenden Weihnachtsfeier gab es eine kurze „Bierzelt-Benimm-Predigt“ (wurde mir berichtet) siehe da:  dieses Jahr war es ganz wunderbar. Die Gäste kamen zwar zum Teil auch schon früher, haben aber ihr erstes Bier einfach selbst gezahlt. Als die Marken dann waren, war alles wunderbar. Keiner hat gezickt, keiner hatte Stress – ma muaß hoit reden mit de Leit! Mit Euch red ich besonders gern!

 

Der Erziehungsauftrag im Bierzelt ist an vielen Stellen ganz einfach und an den meisten Stellen leicht zu lösen. Die paar wenigen Gäste, die keine Kinderstube genossen haben, bei denen hilft auch die Bedienung nicht weiter – des ist wie in der Schule – die Lehrer können ja auch nicht alle Probleme lösen.

Es war ein herrlicher Feiertag. Danke an die tollen Kollegen, die des alles mitmachen. Schee, dass heute nicht ganz so viel los war. Jetzt bin ich ein bisschen früher daheim. Ab ins Bett, das letzte Wochenende steht vor der Tür. Da geht’s nochmal heiß her.

 

Notiz: der Rollbraten ist aus – Avocados werden ewig bleiben – Cordula Grün die immer lacht

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