Kasperlgwand

noch 18 Tage – und der Rest von Heute!

Tagebuch 2019 – der Countdown zur Wiesn.

Heute: Dirndl-Terror vs. Landhausmode oder wie man über Seppelhüte lachen kann

Dirndl-Terror

Gestern ist gewählt worden. Im Osten unserer schönen Republik wurden die Bürger in die Wahllokale gerufen. So richtig gefreut hat sich niemand auf die Wahl. Weil irgendwie eine blau-braune Angst mitgeschwommen ist. Am Ende war es nicht ganz so schlimm wie befürchtet – nichts desto trotz – das Wahlergebnis muss man sich nicht einrahmen. Ich musste, Gott sei Dank, keine Politikwissenschaften Studieren und daher kann ich Wahlanalysen und Prognosen getrost den hübschen Reporterinnen des Nachrichtensenders Welt überlassen. Und hier im Tagebuch ist auch kein Platz für richtige echte Politik. Allerdings: jede folgenreiche Entwicklung des Weltgeschehens, insbesondere aber natürlich des Geschehens in unserer Bundesrepublik, hat irgendwie Auswirkungen auf unsere Wiesn. Amokläufe, Terroranschläge oder sonstige Gewalttaten schüren bei den Menschen Angst. Angst vor großen Menschenmassen, Angst davor, unverschuldet zum Opfer eines Idioten zu werden. Die Wiesn ist immer gut besucht. Aber es gab in der Vergangenheit Jahre, da war die Wiesn gefühlt fast leer. Das ist natürlich übertrieben – aber es war weniger los. Viel weniger. Das war 2016 so, als zuvor im Juli am Olympiapark geschossen wurde. Das war 2001 so, nach dem 9/11 und es war schon viel früher auch mal so. Und tatsächlich hat es die Wiesn schon einmal erwischt. 1980 war es, als eine Bombe in einem Mülleimer explodierte und viele Menschen verletzt ein paar wenige sogar gestorben sind. Seitdem – und seit den letzten Jahren – werden die Sicherheitsmaßnahmen immer mehr. Die nehmen unglaublich Ausmaße an. Ich meine zumindest den Schutz vor Terror und Gewalt. Das größte Volksfest der Welt ist eingezäunt. Rucksäcke sind verboten. Messer und andere scharfe Gegenstände sowieso. Obwohl – naja, nicht alle scharfen Gegenstände! Madln und Buam dürfen noch immer auf die Wiesn. Und ich kann euch sagen – da ist das ein oder andere „scharfe Gerät“ dabei.

Für mich ist der „Terror“ auf der Wiesn ein ganz anderer, als die Angst vor einem Verrückten der durchdreht. Weil ich mich in München und insbesondere auf der Wiesn echt sicher fühle. Wovor uns alle aber niemand schützt: Vor dem Trachten-Terror. Und den gibt’s schon ganz schön lange

 

Landhausmode

Damals, vor gefühlt 20 Jahren, als auf einmal Landhausmode Trend war.  Diese Leinensäcke, die sich Männlein und Weiblein plötzlich übergeworfen haben. Mit großen Aufdrucken sinnloser Jahreszahlen in einer Altdeutschen Schriftart. Es hatte damals ein bisschen den Anschein, als würde das „Treffen der recycelten Kartoffelsäcke“ auf der Theresienwiese stattfinden. Knöpfe und Reisverschlüsse wurden gegen Kordeln ersetzt und an den Bündchen wurde Omas alte Spitzentischdecke verwertet. Unter dem knappen Rock trug Frau Bergsteigerstiefel, wiederum mit Spitzensöckchen und bei den Herren hing die Landhausmode zur Hälfte aus der Hose. Ja verreck!

 

Schlimmer geht immer – so auch im Trachten-Terror.

Die Landhausmode war nahezu ausgestorben und fortan konnte man an jeder Ecke Dirndlähnliche Kleider kaufen. Also ein Kleid mit Rocklänge unter 60cm. In knalligen Farben, meist kariert. Aus dünnem Baumwollstoff. Unterhalb der Brust wurden rechts und links Haken angenäht damit man eine Schnur durchziehen kann. Etwas was wie ein Mieder aussehen könnte. Aber nicht nur die Damen, auch die Herren kamen Trachtentechnisch auf ihre Kosten: Hosen im Knickerbocker-Schnitt aus Filzstoff, Kunstlederhosen oder gleich eine braune Plastikhose mit aufgedruckten Stickerei Bildchen sind nur einige Highlights der „Trachten für Alle“ Zeit.

Die Ausmaße dieses Trachten-Terrors waren zu Beginn nicht unbedingt ersichtlich. Heute – gut 13 Jahre später ist es noch nicht viel besser geworden. Jeder Kleidungsdiscounter hat ab Ende Juli irgendetwas vermeintlich Bayerisch anmutendes im Schaufenster hängen. Dekoriert mit weiß-blauen Wimpeln und „Brezeln“ aus Plastik. Aber warum? Was gibt den dieser profigeilen Modewelt das Recht unsere Tradition, unsere Landestracht, ja unsere „Geschichte“ dermaßen ins Lächerliche zu ziehen?

Nix schlechts wo ned a wos guads dabei is

Allerdings – hat dieser Trachten-Terror auch seine guten Seiten. Viele neue Trachtenlabels sind entstanden in den letzten Jahren. Trachtenmanufakturen die den großen Herstellern den Rang durchaus abgelaufen haben. Designer die mit ihrer Kreativität und der Verbindung aus Tradition und Moderne wundervolle Trachten-Couture erschaffen haben. Junge, frische und elegante Mode ist entstanden. Kleidung die ein bisschen Heimat, ein bisschen Chichi und ein bisschen Modebewusstsein vereinigt.

Terror für die Augen

Was bleibt ist der „Verkleidung Charakter“ auf der Wiesn. Seppelhut und Lederbuxe, FlipFlops und Mini-Dirndl, das hat einfach nichts mit Tracht zu tun. Da kann man sich jetzt drüber aufregen und es nicht verstehen oder man setzt sich einfach mal ein paar Stunden auf die Treppe an der Bavaria, an einem sonnigen Nachmittag und schaut sich die ganzen Kasperln an, die da so über unsere Wiesn laufen – solang es nur Terror für die Augen ist, kann man ja einfach ein bisschen drüber lachen.

Galgenhumor

Und heute, 18 Tage bevor es los geht habe ich etwas Galgenhumor entwickelt und während ich hier so schreibe stelle ich mir grade folgendes vor: ´Damit er nicht erkannt wird und ungehindert seine Tat vollrichten kann, kauft er am Hauptbahnhof zu München einen grauen Filzhut mit „Oktoberfest“ Aufdruck, eine Ziegenlederhose, ein rosa-kariertes Hemd und Chucks mit grünen Socken – so steht er mitten auf der Festwiese. Als er dann seinen Gürtel gezündet hat und dort ankommt, wo die 77 Jungfrauen auf ihn warten, stehen diese vor ihm, schauen ihn an und lachen sich kaputt! So einen Kasperl haben sie noch nie gesehen. ´

Ich freue mich jetzt schon auf die vielen schönen und detailreichen Trachten die wir dieses Jahr wieder zu sehen bekommen – ein bisschen freue ich mich aber auch wieder auf die ganzen „voglwuiden Kasperloutfits“ über die wir jedes Jahr aufs Neue lachen können.

 

Notiz: unsere Tracht ist keine Karnevalsverkleidung – Kariert ist keine Eintrittskarte – ihr müsst das nicht tragen

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